Die Glasperlen-Syntax

Der folgende Text entstammt der Feder meines Institutsmitbegründers Dr. Leo Maier und beschreibt – meiner Meinung nach – sehr präzise den Nutzen von Aufstellungen:

Ausgangspunkt der folgenden Überlegung war eine Hypothese, die einmal am Rande einer Diskussion auftauchte: Was wäre, wenn das Gehirn mit der Sprache noch unterfordert wäre? Wenn also die biologische Leistungsfähigkeit unseres Gehirns erst mit erweiterten kulturellen Medien ausgeschöpft werden könnte? Wie müssten diese Medien aussehen? Wie könnte es, anders gefragt, ein Denken jenseits von Sprache geben?

In seinem Buch „Das Glasperlenspiel“ beschreibt Hermann Hesse eine Form von Wissenstradierung und Wissensgenerierung, die auf einem eigenwilligen Spiel mit Glasperlen aufgebaut ist. Nun ist zwar die Einschätzung dieses Autors im Laufe eines Lebens durchaus Schwankungen ausgesetzt, aber die Beschreibung dieses Spiels ist etwas, das nach wie vor höchste Bewunderung verdient. Denn Hesse reizt die Beschreibung dieses Spiels bis zum äußersten aus. Noch einen winzigen Schritt in Richtung Explizitheit weiter und er müsste schon all seine Karten auf den Tisch legen und den „Bluff“ offenbaren. Denn natürlich gibt es dieses Spiel nicht. Er beschreibt lediglich eine Fiktion. Aber muss es eine Fiktion bleiben – oder könnte es ein solches Spiel tatsächlich geben?

Ich nehme einmal an, dass dies wirklich möglich ist, und untersuche, wie es aussehen müsste.

Dabei spielt die Methodik der (Struktur-) Aufstellung eine besondere Rolle. Bert Hellinger hat diese Technik ursprünglich entwickelt und in die Familientherapie eingebracht. (Fremde) Personen werden vom Klienten als Stellvertreter für Familienmitglieder in einem Raum „aufgestellt“, d.h. in Form einer Konstellation angeordnet. Diese entwickeln dort erstaunlicherweise (?) die Gefühle der realen Personen.

Durch gezielte Veränderungen dieser Konstellation, kann man auch die entsprechenden Themen und Probleme verändern, aufgrund derer der Klient, diese Aufstellung durchführt. Später hat man festgestellt, dass sich diese Methode abstrahieren und auf andere Felder übertragen lässt. Es müssen beispielsweise keine Personen sein, die man aufstellt. Man kann auch Krankheiten, Symptome und Medikamente aufstellen. Oder alternative Geschäftsstrategien eines Unternehmens. Oder die Architektur eines Rechennetzwerkes Usw. (Habe all das übrigens schon – mit guten Ergebnissen – selbst gemacht!) Dies nennt man dann eine Strukturaufstellung. Es hat die gleiche Syntaktik wie die Familienaufstellung, aber natürlich eine völlig andere Semantik. Gehen wir noch einen Schritt weiter.

Mit meinen erfahrenen Aufstellungskollegen ist es oft gar nicht mehr notwendig, uns tatsächlich im Raum zu verteilen. Es genügen kleine Symbole, die wir auf dem Tisch verteilen und wir „denken“ uns dann eben in diese Punkte und ihre Gefühle hinein. Damit sind wir eigentlich schon bei den Glasperlen. In einem ersten Schritt gibt es eine Abbildung der relevanten Größen in Symbole hinein. Beispielsweise: „Frankfurter Schule“ ® rotes Steinchen. „Luhmann“ ® blaues Steinchen. „Mehrwertigkeit“ ® grünes Steinchen. Damit wäre gegenüber dem Namen erst einmal noch nichts gewinnen, wenn man jetzt weiterhin nur die klassische Syntaktik der Sprache zur Verfügung hätte.

Aber die Aufstellungssyntaktik geht über die sprachliche an zwei entscheidenden Stellen hinaus: Sie erlaubt, erstens, über die Form der Konstellation komplexere Verbindungen der betrachteten Größen. Und sie fügt, zweitens, das Medium der Einfühlung in das Denken mit ein. Man sieht die komplexe Perspektivität der Elemente nicht nur, man spürt sie. Man kann ein solches Glasperlen-Spiel allein machen oder auch mit anderen. Es gibt also auch das Analogon zum Gespräch in diesem neuen Denk-Medium. Es gibt verschiedene logische Ebenen, die durch unterschiedlich Spielfelder abgebildet werden. Es gibt zwei hierbei zwei Typen der Verbindung: Das „Ergebnis“ eines Brettes kann ein Steinchen in einem neuen Spielfeld werden („Chunk up“). Oder umgekehrt kann ein einzelnes Steinchen in einem neuen Spielfeld ausdifferenziert werden („Chunk down“).

Anders als in klassischen Typentheorien (Russell) ist es durchaus möglich, dass dasselbe Steinchen (nicht nur das gleiche) auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig auftritt. Diese Zirkularitäten und Schleifenbildungen sind keine Behinderung, sondern sogar eine Bereicherung dieser Denkform. Der Ausgangspunkt ist eine klassische Semantik, die über eine neue (grafische) Grammatik bearbeitet wird. Aber dabei muss es nicht stehen bleiben. Es ist gut möglich, dass sich auch neue Semantiken herausbilden. (Damit betreten wir wohl auch den Bereich Jongenscher Hyperbilder.) Es gibt dann beispielsweise auch (semantische) Erkenntnisse, die über die sprachliche Form hinausgehen. Man würde sie einem Dritten daher nicht sagen, sondern am Brett zeigen. (Die Struktur dieses Denkens würde sich somit dem Medium Kunst annähern.) Um Menschen als echte „Gesprächs“-Partner für diese Denkform zu haben, braucht es natürlich erst einmal eine entsprechende Propädeutik, d.h. sie müssen als ersten Schritt die „Sprache“ der Aufstellung lernen, also die entsprechenden Erfahrungen sammeln.

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