Risiko und Wahrnehmung I (Die blinden Flecken)

Beim Abarbeiten meiner alten Arbeitsmails aus den vergangenen Jahren ist mir eine meiner „typischen“ Mails in die Hände gefallen. Es ging um die Vorbereitung eines Angebotsdokuments, und ich habe auf gewisse kommerzielle Risiken hingewiesen die sich aus Formulierungen ergeben könnten – Formulierungen, die nicht in meinem Arbeitsgebiet lagen.

Ich kann mich noch gut erinnern wie meine „Warnung das ist ein Risiko“-Mails etwas verwundert zur Kenntnis genommen wurde. Ich war der einzige der sich über derartige Risiken Gedanken gemacht hat, was wohl vor allem auch daran lag das ich ein „neuer Externer“ war. Als ein solcher war ich noch nicht an die organisationsüblichen „Filter“ angepasst.

Die Projektleitung hat meiner Risiko-Einschätzung nicht widersprochen – das Risiko war echt. Es war einfach nur so, dass derartige Risiken einfach nicht beachtet wurden – es war ein bisschen so „ich sehe das Risiko nicht, also existiert es auch nicht“.

Das Paradoxe daran war: innerhalb dieses Projekts gab es offiziell einen Risikomanagement-Prozess. Man hat mein Risiko aufgenommen, aber dann im Rahmen des Prozesses „verhungern“ lassen. Keine Absicherungmaßnahmen, keine Risikominderungsmaßnahmen… Es war als hätte man die fachliche Richtigkeit (und das damit verbundene kommerzielle Risiko) zur Kenntnis genommen, aber dennoch… es war als hätte sich die (soziale) Organisation dazu entschieden derartige Risiken einfach zu ignorieren.

In diesem Verhalten sind – systemisch gesehen – einige Erkenntnisperlen versteckt.

Zunächst einmal kann man das Verhalten des Systems als Schutz verstehen. Die Projektorganisation hat sich (unbewusst) entschlossen eine bestimmte Risikoklasse zu ignorieren – vielleicht weil man nicht wusste, wie man derartige Risiken richtig handelt, vielleicht weil man mit der Nennung derartiger Risiken ggf. politische Konflikte versachen könnte, vielleicht weil man einfach nicht genügen Kapazität hat sich „auch noch um sowas kümmern zu können“.

Das war mein Hinweis auf das entdeckte Risiko natürlich auch ein Hinweis darauf, dass eine komplette Klasse von Risiken nicht beachtet werden. Die Organisation hat an dieser Stelle nur die Wahl die Tore zu öffnen und alle relevanten Risiken zu benennen (mit unabsehbaren Folgen), oder mein Risiko zu einem „Einzelgänger“ zu machen. Sprich: da man’s nicht verschweigen kann, lässt man den Einzelgänger „verhungern“ in dem sich keiner drum kümmert. Für mich hatte das – zum Glück – keine negativen Folgen, d.h. ich wurde für diesen „Frevel“ weder auf der sozialen Ebene noch formal „bestraft“.

Die (Projekt-)Organisation hat damit aber eine Art Wahrnehmungslücke „produziert“, einen blinden Fleck. Da derartige – oder ähnlich wahrgenommene – Risiken fast schon reflexartig ignoriert werden, tut sich im Risikomanagement natürlich ein grosses Loch auf.

Mein „Intervention“ – die Nennung eines derartigen Risiko – und der Umgang damit (Ignorieren) hat diesen blinden Fleck noch verstärkt. Einem Beobachter im Projekt wird damit deutlich: aha, derartige Risiken werden höchstens in die Liste aufgenommen, aber sonst kümmert sich keiner. Der Aufwand lohnt also nicht… Was wie eine Belohnung für die Handlungsoption „ignorieren“ wirkt.

Wenn man etwas über derartige blinden Flecken eines Projekts wissen will, so müsste man nur folgendes machen: eine Liste aller potentiell möglichen Risikoklassen erstellen (= die üblichen Verdächtigen), und mit der Liste der realen Risiken im Risikomanagement abgleichen. Man kann statistisch davon ausgehen, dass es von jeder Risikoklasse wenigstens ein paar (ggf. auch nur kleine) Risiken gibt. Fehlt im Risikomanagement eine Risikoklasse komplett, dann hat man einen guten Anhaltspunkt für einen blinden Fleck in der Organisationswahrnehmung.

Als Sicht des Risikomanagements müsste der erste Eintrag immer lauten: „Das Risiko, dass Risiken übersehen werden“🙂

Im nächsten Blog-Eintrag werde ich das Thema nochmal aufgreifen – da ist noch mehr zu finden…

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