Risiko und Wahrnehmung III (Die geprägten Schatten)

Im letzten Blogeintrag habe ich die Risikostruktur als Ausdruck der Schattenseite einer Organisation beschrieben, vergleichbar mit den Untiefen des Unterbewusstseins einer Person.

Ein – auf den ersten Blick – gewagter Vergleich, insbesondere wenn man die IT-Brille aufsetzt und sich vorstellt, dass die Erzeugung von Software irgendwas mit Unterbewusstsein zu tun haben soll… Aber wer von uns IT’lern kennt das nicht: man kommt in ein Projekt, und man bekommt schon über die Diskussionskultur (was wird wirklich diskutiert, welche Themen sind nicht diskussionsfähig, was wird ignoriert) mit „wie der Hase läuft“. Und ob das Projekt eine Chance auf Erfolg hat. Und dieser „Projektstil“ bleibt meistens erhalten, auch wenn Leute kommen oder gehen. Es ist wie eine Art Mantra – „so verhalten wir uns, und nicht anders“ – dass von der Organisation als Ganzes geprägt und aufrecht erhalten wird.

Dieses Verhalten hat natürlich überhaupt nichts mit Gruppendynamik oder Organisationspsychologie zu tun😉

So, zurück zum Thema: Risiken sind Ausdruck der Schatten einer Organisation…

Einer meiner ersten Gedanken nach dieser Assoziation war: „hoho, und IT-Projekte giessen diese Schatten in digitale Form…“. Diesem Gedanken will ich heute nachgehen…

Ist das so?

Der übliche Verlauf ist: die Fachseite möchte ein System anpassen oder ein neues System gebaut bekommen. Die IT-Seite wird involviert, es werden Anforderungen formuliert und in Diskussion verfeinert. Es werden verschiedene Aufwandsschätzungen durchgeführt und Budgets organisiert. Es werden technische Konzepte geschrieben und in Software umgesetzt. Die Qualitätssicherung startet (Tests werden formuliert und durchgeführt), es wird eine Produktionsumgebung geschaffen, auf die die Endanwender zugreifen werden. Letztlich wird die Software final abgenommen und in Produktion genommen.

Soweit, so einfach. Nur funktioniert das leider in der Praxis nicht ganz so einfach. Die Anforderungen ändern sich, unerwartete technische Probleme verursachen Mehraufwand, die Qualitätssicherung findet immer wieder neue Fehler in der Software, der Produktionstermin wird immer wieder verschoben…

Wenn ich so darüber nachdenke sehe ich tatsächlich zwei Risikostrukturen: die Risikostruktur der Fachseite, und die Risikostruktur des IT-Projekts.

Die Risikostruktur der Fachseite umfasst alle fachlichen Risiken – das sind alle fachlichen „Risiken“, die in der einen oder anderen Form in der zu erstellenden Software zu berücksichtigen sind. Anders formuliert: es sind mindestens alle Anforderungen, die die Fachseite vergessen hat zu formulieren, plus sich aus dem Business heraus ergebende Risiken (Geschäftspolitik wird kurzfristig geändert).

Die Fachseite hat somit eine eigene, für sie spezifische „Schattenseite“. Und alles was die Fachseite vergisst, verdrängt, nicht beachtet wird über die (nicht) formulierten Anforderungen auch schön brav von der IT in digitales Material „gegossen“. Eine fertige Software hat also zumindesten zu einem gewissen Grad einen „Imprint“ des Unterbewusstseins der Fachseite…

Die IT-Risikostruktur und die Schatten werden zum gewissen Teil ebenfalls in digitales Material verewigt – über nicht richtig oder vollständig realisierte Funktionalitäten, technisch wackelige Lösungen oder ignorierte Tests.

Was mir gerade in diesem Moment auffällt – und jetzt spreche ich als Entwickler: als (motivierter) Entwickler hat man fast immer zwangsläufig ein schlechtes Gewissen. Man hätte hier und dort immer noch besser sein können, die Funktion X ist nicht generisch genug, die Tabelle Y ist eigentlich eine Krücke, und die Fehlerbehandlung an Stelle Z wird in die Hose gehen weil sie nicht ganz zum Rest passt.

Anders ausgedrückt: jede Software digitalisiert das schlechte Gewissen der beteiligten Entwickler – für die „Ewigkeit“. *ein tragisch-komischer Gedanke*. Ich stelle mir vor wie die Softwarepakete dieser Welt, in den Banken, Versicherungen, Telco-Unternehmen alle im millisekundentakt im schlechten Gewissen schwingen… „hätten wir doch… wir sollten das noch ändern… keine Zeit… die Lösung ist aber gar nicht gut… wenn das die Fachseite wüsste… wir haben gesagt das das nicht funktioniert…“

Ja, auch die Schatten der (Projekt)Organisation werden im Endergebnis verewigt. Sie vermischen sich mit den Schatten der Fachseite, und das Endergebnis ist ein Stück Software: ein digitales Mahnmal von Licht („Hoffnung“: unsere IT baut uns eine neue Software die unser Leben leichter/besser macht) und Schatten (wieso haben die/wir nicht daran gedacht das…)…

*schmunzel*

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