Die Glasperlen-Syntax

14. Januar 2008

Der folgende Text entstammt der Feder meines Institutsmitbegründers Dr. Leo Maier und beschreibt – meiner Meinung nach – sehr präzise den Nutzen von Aufstellungen:

Ausgangspunkt der folgenden Überlegung war eine Hypothese, die einmal am Rande einer Diskussion auftauchte: Was wäre, wenn das Gehirn mit der Sprache noch unterfordert wäre? Wenn also die biologische Leistungsfähigkeit unseres Gehirns erst mit erweiterten kulturellen Medien ausgeschöpft werden könnte? Wie müssten diese Medien aussehen? Wie könnte es, anders gefragt, ein Denken jenseits von Sprache geben?

In seinem Buch „Das Glasperlenspiel“ beschreibt Hermann Hesse eine Form von Wissenstradierung und Wissensgenerierung, die auf einem eigenwilligen Spiel mit Glasperlen aufgebaut ist. Nun ist zwar die Einschätzung dieses Autors im Laufe eines Lebens durchaus Schwankungen ausgesetzt, aber die Beschreibung dieses Spiels ist etwas, das nach wie vor höchste Bewunderung verdient. Denn Hesse reizt die Beschreibung dieses Spiels bis zum äußersten aus. Noch einen winzigen Schritt in Richtung Explizitheit weiter und er müsste schon all seine Karten auf den Tisch legen und den „Bluff“ offenbaren. Denn natürlich gibt es dieses Spiel nicht. Er beschreibt lediglich eine Fiktion. Aber muss es eine Fiktion bleiben – oder könnte es ein solches Spiel tatsächlich geben?

Ich nehme einmal an, dass dies wirklich möglich ist, und untersuche, wie es aussehen müsste.

Dabei spielt die Methodik der (Struktur-) Aufstellung eine besondere Rolle. Bert Hellinger hat diese Technik ursprünglich entwickelt und in die Familientherapie eingebracht. (Fremde) Personen werden vom Klienten als Stellvertreter für Familienmitglieder in einem Raum „aufgestellt“, d.h. in Form einer Konstellation angeordnet. Diese entwickeln dort erstaunlicherweise (?) die Gefühle der realen Personen.

Durch gezielte Veränderungen dieser Konstellation, kann man auch die entsprechenden Themen und Probleme verändern, aufgrund derer der Klient, diese Aufstellung durchführt. Später hat man festgestellt, dass sich diese Methode abstrahieren und auf andere Felder übertragen lässt. Es müssen beispielsweise keine Personen sein, die man aufstellt. Man kann auch Krankheiten, Symptome und Medikamente aufstellen. Oder alternative Geschäftsstrategien eines Unternehmens. Oder die Architektur eines Rechennetzwerkes Usw. (Habe all das übrigens schon – mit guten Ergebnissen – selbst gemacht!) Dies nennt man dann eine Strukturaufstellung. Es hat die gleiche Syntaktik wie die Familienaufstellung, aber natürlich eine völlig andere Semantik. Gehen wir noch einen Schritt weiter.

Mit meinen erfahrenen Aufstellungskollegen ist es oft gar nicht mehr notwendig, uns tatsächlich im Raum zu verteilen. Es genügen kleine Symbole, die wir auf dem Tisch verteilen und wir „denken“ uns dann eben in diese Punkte und ihre Gefühle hinein. Damit sind wir eigentlich schon bei den Glasperlen. In einem ersten Schritt gibt es eine Abbildung der relevanten Größen in Symbole hinein. Beispielsweise: „Frankfurter Schule“ ® rotes Steinchen. „Luhmann“ ® blaues Steinchen. „Mehrwertigkeit“ ® grünes Steinchen. Damit wäre gegenüber dem Namen erst einmal noch nichts gewinnen, wenn man jetzt weiterhin nur die klassische Syntaktik der Sprache zur Verfügung hätte.

Aber die Aufstellungssyntaktik geht über die sprachliche an zwei entscheidenden Stellen hinaus: Sie erlaubt, erstens, über die Form der Konstellation komplexere Verbindungen der betrachteten Größen. Und sie fügt, zweitens, das Medium der Einfühlung in das Denken mit ein. Man sieht die komplexe Perspektivität der Elemente nicht nur, man spürt sie. Man kann ein solches Glasperlen-Spiel allein machen oder auch mit anderen. Es gibt also auch das Analogon zum Gespräch in diesem neuen Denk-Medium. Es gibt verschiedene logische Ebenen, die durch unterschiedlich Spielfelder abgebildet werden. Es gibt zwei hierbei zwei Typen der Verbindung: Das „Ergebnis“ eines Brettes kann ein Steinchen in einem neuen Spielfeld werden („Chunk up“). Oder umgekehrt kann ein einzelnes Steinchen in einem neuen Spielfeld ausdifferenziert werden („Chunk down“).

Anders als in klassischen Typentheorien (Russell) ist es durchaus möglich, dass dasselbe Steinchen (nicht nur das gleiche) auf unterschiedlichen Ebenen gleichzeitig auftritt. Diese Zirkularitäten und Schleifenbildungen sind keine Behinderung, sondern sogar eine Bereicherung dieser Denkform. Der Ausgangspunkt ist eine klassische Semantik, die über eine neue (grafische) Grammatik bearbeitet wird. Aber dabei muss es nicht stehen bleiben. Es ist gut möglich, dass sich auch neue Semantiken herausbilden. (Damit betreten wir wohl auch den Bereich Jongenscher Hyperbilder.) Es gibt dann beispielsweise auch (semantische) Erkenntnisse, die über die sprachliche Form hinausgehen. Man würde sie einem Dritten daher nicht sagen, sondern am Brett zeigen. (Die Struktur dieses Denkens würde sich somit dem Medium Kunst annähern.) Um Menschen als echte „Gesprächs“-Partner für diese Denkform zu haben, braucht es natürlich erst einmal eine entsprechende Propädeutik, d.h. sie müssen als ersten Schritt die „Sprache“ der Aufstellung lernen, also die entsprechenden Erfahrungen sammeln.

Advertisements

Wie sieht ein Forschungsabend aus?

11. Januar 2008

Eine weitere häufig gestellte Frage ist: wie kann ich mir so einen Forschungsabend vorstellen?

Der typische Ablauf an einem Abend sieht ungefähr so aus:

  • wir treffen uns
  • ich/wir erklären kurz das Prozedere der Aufstellung
  • jemand schmeisst ein echtes oder fiktives Thema in die Runde
  • wir probieren aus wie man das Thema aufstellen könnte
  • danach wir diskutiert ob das so funktioniert, was man verändern könnte etc
  • dann kommt das nächste Thema dran.

Wie läuft eine „Aufstellung“ ab?

Fiktives Beispiel: ich überlege ob wir die Webseiten im Institut auf einen eigenständigen Server hosten sollen oder ob wir es bei einer VPS-Variante belassen. Ich bin sozusagen der Client, und mein Partner Leo Maier würde mich durch die Aufstellung begleiten. Meine Frage ist: ich will wissen welche Server-Variante welche Vorzüge hat.

Um aufzustellen brauchen wir etwas freien Platz. Es sind genügend Personen an dem Abend da, also nehme ich mir für jeden Aspekt der mir so in den Sinn kommt eine der anwesenden Personen und stelle damit eine Art lebendes Strukturmodell. In der Mitte der Server, hinten links die Website, vorne rechts den Aspekt Performance, vorne links den Aspekt Kosten (reine Fiktion!). Sprich: es stehen 4 Personen im Raum, plus mir und Leo. Beispielhaft als Diagramm die Servervariante:

Beispiel Aufstellung

Dann wird mit der Struktur gearbeitet: statt des Servers wird jemand anders als VPS-Lösung aufgestellt, die Aufstellung verändert sich dadurch:

 VPS-Variante

In beiden Fällen bespricht Leo mit mir anhand der aufgestellten Skulptur welche Vor- und Nachteile die jeweilige Lösung hat. Und die Stellvertreter welche für die Aspekte im Raum stehen werden ebenfalls nach Meinungen befragt. Interessanterweise – und das ist das Spannende beim Aufstellen – können einem die Stellvertreter erstaunliche Perspektiven und Sichtweisen anbieten.

Ich hab dann noch die Möglichkeit in diese lebende Struktur einzusteigen und z.B. die Perspektive des Servers zu übernehmen.

Nach einigem Befragen und Nachhaken wird dann die Skulptur aufgelöst, d.h. die Stellvertreter gehen aus der Aufstellung raus, man bespricht noch die Erkenntnisse und die Arbeit ist beendet.

Ich habe selbst schon an über 100 Aufstellungen (allerdings nicht auf IT-Themen bezogen) mitgemacht und selbst schon x-dutzend Aufstellungen angeleitet. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen das man nachher meistens deutlich klüger ist als vorher, und das man dann Aspekte des Themas sieht die man vorher nicht wahrgenommen hat.

Das von mir benutzte Beispiel ist jetzt ein echtes IT-Thema. Ich kann jetzt nicht mit 100% Sicherheit sagen ob das so wie ich es beschrieben habe wirklich Sinn machen würde. Vielleicht würde man auch eine andere Form wählen – das gilt es eben humorvoll-gelassen auszuprobieren.

Skeptiker können natürlich zu Recht einwenden das man eine derartige Frage auch anhand eines Fragebogens und/oder einer Evaluation klären kann. Das ist inhaltlich natürlich richtig. Inhaltlich (welche Variante ist besser) kommt man sowohl bei der klassischen Evaluation als auch bei der Aufstellung zum gleichen Ergebnis.

Man vernachlässigt aber den Aspekt das man in kürzerer Zeit über einen derartigen Aufstellungsprozess eine viel größere Gruppe an Personen an der Entscheidungsfindung teilnehmen lassen kann – und das eine mehr Personen das Gefühl hat zur Entscheidung wirklich etwas beigetragen zu haben. Abgesehen davon dauert eine Aufstellung vielleicht 45m – 60m. Bei 10 Personen die in diese Entscheidung einbezogen werden sollen wären das 10 Arbeitsstunden.

Schafft man mit insgesamt 10 Arbeitsstunden eine saubere, inhaltlich korrekte Evaluation einer derartigen Entscheidung, inkl. der Wissensvermittlung wie die Entscheidung zustande gekommen ist und mit dem vermittelten Gefühl bei der Entscheidung beteiligt worden zu sein?

Die Antwort überlasse ich meinen meeting- und evaluationserprobten Lesern… 😉

Andrew Smart